Die Ars Electronica 2026 stellte unter dem Motto „Negotiating Humanity“ die Frage, wie sich unser Verständnis vom Menschsein in Zeiten tiefgreifender technologischer und gesellschaftlicher Veränderungen wandelt. Mein Besuch in Linz führte mich zu Kunstwerken, die mit künstlicher Intelligenz kommunizieren, auf ihr Publikum reagieren und sich fortlaufend verändern. Dabei drängte sich mir eine bewusst etwas andere Frage auf: Ist das Kunst oder ist das weg?
Ein Festival für Kunst Technologie und Gesellschaft
Seit 1979 beschäftigt sich die Ars Electronica mit den Beziehungen zwischen Kunst, Technologie und Gesellschaft. Vom 9. bis 13. September 2026 wurde Linz erneut zum internationalen Treffpunkt der Medienkunst. Ausstellungen, Performances, Konzerte, Konferenzen und Hochschulprojekte verteilten sich über zahlreiche Orte in der Stadt.
Das Festival stand in diesem Jahr unter dem Motto „Negotiating Humanity“. Sinngemäß geht es darum, Menschlichkeit und unser Verständnis vom Menschsein neu zu verhandeln.
Dieses Motto hat mir besonders gut gefallen. Kunst und technologische Entwicklungen wurden nicht isoliert betrachtet. Im Mittelpunkt standen vielmehr die Menschen und die gesellschaftlichen Veränderungen, die durch neue Technologien ausgelöst oder beschleunigt werden.
Was bedeutet es heute, Mensch zu sein? Wer gestaltet die Zukunft? Welche Rolle übernehmen Maschinen? Und welche Verantwortung bleibt bei uns?
Die Ars Electronica gab darauf keine einfachen Antworten. Sie schuf Räume, in denen diese Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und diskutiert werden konnten. Gerade diese Offenheit machte das Festival für mich so interessant.
Die ganze Stadt wird zum Ausstellungsraum
Besonders gelungen fand ich die Verteilung der Ausstellungen über die Linzer Innenstadt. Nach Jahren mit einem großen zentralen Festivalgelände wurden 2026 Museen, Hochschulen, öffentliche Räume und kleinere Satellitenstandorte einbezogen.
Dadurch blieb das Festival nicht auf einen klassischen Veranstaltungsort beschränkt. Beim Gang durch die Stadt begegnete man immer wieder neuen Arbeiten, Installationen und Fragestellungen. Linz selbst wurde für einige Tage zu einem großen Ausstellungs-, Begegnungs- und Diskussionsraum.
Diese dezentrale Struktur eröffnete zugleich unterschiedliche Zugänge. Große Museen standen neben kleinen Projekträumen, wissenschaftliche Beiträge neben experimentellen Arbeiten und etablierte künstlerische Positionen neben studentischen Projekten.
Allerdings wurde dabei auch schnell deutlich: Es ist nahezu unmöglich, alle Exponate an einem Wochenende anzusehen. Das Angebot war so umfangreich, dass eine Auswahl unvermeidbar blieb. Vielleicht liegt auch darin ein besonderer Reiz. Man bewegt sich nach den eigenen Interessen durch das Festival, entdeckt Unerwartetes und fährt mit dem Gefühl nach Hause, längst noch nicht alles gesehen zu haben.
Studierende gestalten die Zukunft mit
Sehr beeindruckend war für mich die starke Einbindung studentischer Arbeiten. Die Campus Exhibition brachte Beiträge zahlreicher internationaler Hochschulen nach Linz. Ein wichtiger Ausstellungsort war die Kunstuniversität Linz, die sich mitten im Stadtzentrum befindet.
Die studentischen Arbeiten zeigten eine große Experimentierfreude. Viele Projekte stellten nicht nur neue technische Möglichkeiten vor, sondern hinterfragten deren Auswirkungen auf Identität, Wahrnehmung, Zusammenleben und Verantwortung.
Gerade diese Verbindung von Gestaltung, Forschung und gesellschaftlicher Reflexion empfand ich als besonders wertvoll. Junge Künstlerinnen, Künstler und Gestaltende präsentierten Technologie nicht als fertige Lösung. Sie nutzten sie als Ausgangspunkt für Fragen, Experimente und neue Formen der Auseinandersetzung.
Wenn das Publikum Teil des Kunstwerks wird
Eine für mich besonders interessante Erfahrung war die Installation „Future Memories“ am Satellitenstandort bb15.
Dort führte ich eine Unterhaltung mit einer künstlichen Intelligenz. Aus diesem Dialog entstand ein Bild, das anschließend in die Installation aufgenommen wurde. Damit war ich nicht mehr ausschließlich Betrachterin. Meine Interaktion mit der KI wurde Teil des Entstehungsprozesses und das daraus hervorgegangene Bild Teil des Kunstwerks.
Diese Erfahrung veränderte meine Wahrnehmung der üblichen Rollenverteilung. Wer hatte das Werk geschaffen? Die Person, die die Installation konzipiert hatte? Die künstliche Intelligenz, die auf meine Eingaben reagierte? Oder ich selbst, weil meine Gedanken und Antworten das Ergebnis beeinflussten?
Wahrscheinlich entstand das Werk erst durch das Zusammenspiel aller Beteiligten.
Vom digitalen Objekt zum handelnden Akteur
Auch im Francisco Carolinum begegneten mir Arbeiten an der Schnittstelle von künstlicher Intelligenz, digitaler Kunst und Blockchain-Technologie.
Besonders interessant fand ich das Konzept der sogenannten Agent NFTs. Dabei werden blockchainbasierte Werke mit autonomen digitalen KI-Agenten verbunden. Diese können auf Daten, auf Nutzerinnen und Nutzer oder auf andere Systeme reagieren, Entscheidungen treffen und sich verändern.
Das digitale Kunstwerk ist damit nicht mehr zwingend ein statisches Objekt. Es erhält Handlungsmöglichkeiten und kann sich abhängig von äußeren Einflüssen weiterentwickeln.
NFTs wurden in den vergangenen Jahren häufig vor allem mit dem Besitz und Handel digitaler Bilder in Verbindung gebracht. Die Verbindung mit autonomen KI-Agenten erweitert dieses Verständnis. Das Werk wird nicht nur digital gespeichert und eindeutig zugeordnet. Es kann reagieren, kommunizieren und seinen Zustand verändern.
Damit entstehen neue Fragen: Wem gehört ein Kunstwerk, das selbstständig handelt? Wer trägt Verantwortung für seine Entscheidungen? Ist seine Veränderung Teil des Werkes oder bedeutet sie, dass das ursprüngliche Werk irgendwann nicht mehr existiert?
Eine bewusst veränderte Frage
Die Überschrift dieses Beitrags erinnert nicht zufällig an die bekannte Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“, die häufig mit Joseph Beuys und der Diskussion über den Wert moderner Kunst verbunden wird.
„Ist das Kunst oder ist das weg?“ verschiebt diese Frage bewusst.
Bei digitaler, interaktiver und KI-basierter Kunst geht es nicht nur darum, ob etwas als Kunst erkannt und bewahrt wird. Es geht auch um ihre Beständigkeit. Was geschieht, wenn sich ein Werk fortlaufend verändert? Was bleibt von einem digitalen Kunstwerk, wenn eine Plattform abgeschaltet, eine Software nicht mehr unterstützt oder ein KI-Modell ersetzt wird? Und welches Werk ist eigentlich das Original, wenn es bei jeder Interaktion neu entsteht?
Vielleicht ist die Vergänglichkeit kein Mangel, sondern Teil des künstlerischen Konzepts. Vielleicht liegt das Werk weniger in einem dauerhaft vorhandenen Objekt als in der Begegnung, dem Prozess und der Erinnerung daran.
Kunst als Raum für offene Fragen
Mein Besuch auf der Ars Electronica hat mir gezeigt, dass Medienkunst besonders dort interessant wird, wo sie Technologie nicht nur vorführt, sondern kritisch und sinnlich erfahrbar macht.
Das Festival stellte den technologischen Fortschritt nicht als Selbstzweck in den Mittelpunkt. Es fragte danach, was dieser Fortschritt mit uns macht, welche Gesellschaft wir damit gestalten und welche Rolle der Mensch darin künftig einnimmt.
Ich habe in Linz viele spannende Arbeiten gesehen und ebenso viele nicht sehen können. Geblieben sind Eindrücke, neue Perspektiven und eine Reihe offener Fragen.
Vielleicht muss gute Kunst genau das leisten: Sie muss nicht auf alles eine Antwort geben. Sie sollte uns dazu bringen, genauer hinzusehen, Gewissheiten zu hinterfragen und miteinander ins Gespräch zu kommen.